In diesem FWF-Projekt soll am Beispiel jüdischer Sportfunktionäre das soziale Feld des Sports als Ort von Identitätspolitik im Wien der Zwischenkriegszeit rekonstruiert werden. Verglichen werden Möglichkeiten und Grenzen jüdischer Partizipation in unterschiedlichen sozialen Feldern, sowie Wechselwirkungen und Netzwerke, die diese Felder möglicherweise verbanden.

Zum einen wird versucht mit Hilfe von quantitativen Vereinsdaten und statistischen Daten zur jüdischen Bevölkerung Wiens eine Demografie jüdischer Sportfunktionäre zu erstellen. Zweitens werden deren mögliche Gemeinsamkeiten und Unterschiede in Form einer Gruppen- bzw. Kollektivbiografie analysiert. Neben den Aktivitäten im und für den Sport soll besonderes Augenmerk auf die Tätigkeit der untersuchten Personen im Beruf bzw. in den Medien und in der Politik gelegt werden. Des Weiteren werden einzelne Biografien als Fallbeispiele nachgezeichnet.

Auf diese Weise versucht das Projekt auch die Aufgabe einer Sichtbarmachung verschütteter Traditionen des Wiener Sports und popularer Kulturen Wiens in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vorzunehmen.

Die Kollektivbiografien des untersuchten Personenkreises werfen Fragen jüdischer Identität auf, die insbesondere vor 1938 vom Spannungsfeld von Religion, Zionismus und „Assimilierung“ beherrscht waren. So ist zu beschreiben, wie Bilder und Zuschreibungen des Jüdischen wirkten, Ergebnis welcher Diskursstränge und Auseinandersetzungen sie waren und wann sie sich veränderten. Damit verbunden ist die Frage ob für einen bestimmten Zeitraum eine konkrete Auseinandersetzung mit Jewishness genuiner Teil spezifisch mitteleuropäischer Sportkulturen war.

Die Zugehörigkeit zu popularkulturellen Praxen bildet das entscheidende Kriterium für die Auswahl einer bestimmten Sportart für unsere Untersuchung.

Wo die Öffentlichkeitsfunktion eines Sports oder die Medienberichterstattung eine populäre (Massen-)Kultur indizieren, kann paradigmatisch eine gesellschaftliche Selbst- und Fremdverortung analysiert werden. Gerade in diesen öffentlichen Diskussionsprozessen wird Jewishness manifest. Im Mittelpunkt steht dabei der Fußball, aber auch der Schwimmsport, der Eiskunstlauf und der Boxsport, der Schisport und der Arbeitersport bilden wichtige Bestandteile unserer Untersuchung.

Die den verschiedenen Sichtweisen auf den Sport, auf Jewishness, aber vor allem auf die Zusammenschau beider Ebenen ist – neben individuellen Selbst- und Fremdeinschätzungen, Selbst- und Fremdzuschreibungen – nicht zuletzt Medien zu entnehmen. In diesen wurden im Kampf um die Produktion hegemonialer oder minoritärer Diskurse sowie Argumente aufgerichtet, verfestigt oder hinterfragt und Bedeutungen konstruiert. Die Symbole der Sportivität wurden in die „Gemeinschaft“ übertragen, es wurden Chiffren des Jüdischen entworfen und auf ihre Brauchbarkeit bzw. Durchsetzbarkeit hin geprüft. Medien werden daher nicht nur als eine Quelle der Untersuchung verwendet, sondern ebenso als Ausgangspunkt zeitgenössischer Diskurse verstanden.

Finanziert wird das Projekt vom FWF – Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung, angesiedelt an der Universität für angewandte Kunst Wien mit der Universität Wien als nationalem Forschungspartner. (Text via)